Mir ist schlecht

Gut, mir ist schlecht. Weil ich zuviel gegessen habe. Mit den Italienern. Andrea hatte wieder einmal gekocht und wie immer schmeckte es absolut großartig. Es gab Spaghetti mit einer ziemlich scharfen Soße. Ich hob einen Stein in die Höhe und betrachtete ihn. Es schien mir Quarz zu sein, Rosenquarz, aber nicht rosa, sondern leicht gelblich. Der Italiener steckte den Stein in ein rotes Gerät und hielt es über meinen Teller. Als er daran drehte, rieselte es unten heraus, auf die Spaghetti, auf die Soße, der Stein rieselte heraus, auf meinen Teller, der Quarz, und ward Parmesan. Anschließend eine Art Kartoffelgratin und dazu ein ganz hervorragendes Omelette mit Thunfisch und Pilzen. Mir ist schlecht jetzt und ich trinke einen Kaffee. Vielleicht beruhigt er meinen Magen, sagt ihm „Na also, so schlimm ist das doch nicht, das kriegst du schon noch verdaut…“

Gerade obwohl mir schlecht ist, weiß ich, daß ich eben noch erfüllt war von Glück. Ich habe eine Französin bei L… getroffen. Wir haben geredet, ich habe etwas von meinen Liedern gespielt, seltene Ausnahme, um etwas gute Atmosphäre zu machen. Denn L… ist auf Entzug. Er hat kein Kokain mehr und kein Hasch, er ist nervös und redet viel, steht immer wieder auf und macht überflüssige Dinge, öffnet das Fenster, schließt es wieder, erzählt dabei, daß er wirklich sehr leide und ich glaube es ihm. Er ist wirklich abhängig. Er kann nicht frei leben, ein steter Zwang, diese weißen Pferde zu reiten, wie er sagt. Den Drachen zu fliegen. Obwohl er immer wieder versucht hat, abzusteigen. von den weißen Pferden herunterzusteigen, ihnen die Zügel geben und sie einfach am Horizont verschwinden zu sehen, ohne sich nach neuen umzuschauen. Er ist dann weggegangen, zu Orten, an denen er hofft, sie wiederzufinden. Ich habe dann mit dieser Französin algerischer Herkunft auf dem Bett gesessen und geplaudert, gespielt und sie mir angeschaut. Sie gefiel mir immer besser. Ich weiß nicht, woher, aber sie hat eine faszinierende erotische Ausstrahlung. Sie hat eine große Nase. Ausgeprägte Lippen. Und nackte Füße unter dem Rock. Sie hat mir eine Geschichte erzählt, oder ein Gedicht rezitiert oder irgendetwas und ich habe sie geküßt. Ich ließ ihre wunderschönen französischen Worte unter meinen Lippen verstummen. Im Augenblick als ich das machen wollte, fühlte ich, wie der Zag stumm da hockte. Und lauerte. Und sich leise anschlich um mich zurückzuhalten. Einfach so, weil es ihm Spaß macht, Leute zurückzuhalten. Eigentlich egal wovon, aber hauptsächlich von schönen Dingen. Und in dem Augenblick wußte ich, weil ich diese Situation schon hundertmal und mehr erlebt habe, daß er gewinnen würde. Wenn ich nicht genau jetzt meinem Körper die Befehlsgewalt gebe, das zu machen, wonach ihm ist. Der Geist kann so etwas nicht. Er ist schön im Reden und Rechtfertigen. Im Anklagen auch, und vor allem im Überdenken. Aber der Körper denkt nicht. Er redet nicht. Er schweigt und handelt. Er bewegt sich und vollführt all das, was der Geist so gerne selber täte. Ich sagte also meinem Körper: „Du hast das Kommando. Tu, was du willst.“ Und ich vergaß für einen Augenblick meinen Verstand. Und der Zag, der sich schon siegessicher die Finger rieb, erlebte, wie er verlor. Wie er mich verlor. Wie ich davon ging, meinem Körper folgend, der die Hände geradewegs austreckte, das fremde Gesicht berührte und die Lippen an die eignen führte. Und wie ein Wunder öffneten sie sich und ließen mich ein. Und das ist warum mir meine Magenschmerzen nicht besonders die Laune verderben. Wir sind durch den nächtlichen Wald spaziert. Er war nicht besonders finster, aber angenehm dunkel, der kleine Fluß floß schweigsam in seinem Bett und nur hin und wieder ging der Wind durch die Bäume, an deren einem wir uns niederließen, um aneinandergeschmiegt zu plaudern oder zu lauschen.

Und ich fühlte mich glücklich und ich fühlte, wie sie glücklich war. Es ist schön, glücklich zu sein. Man sollte es viel öfter sein.

Sie ist wirklich… na, ich kann es nicht sagen. Sie ist aber etwas besonderes, das fühle ich. Das weiß ich. Es ist gut so, wie es ist. Ich will den Vogel nicht an die Wand nageln.

Ich bin wahrlich müde. Ich bin sogar furchterregend müde, es tut schon fast weh.

Ich werde es sehr genießen, jetzt im Bett zu liegen.

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