Engel

Es ist mir heute, zum ersten Mal in meinem Leben, ein Engel begegnet. In der Metro, von Paris kommend, kurz vor meiner Zielstation Bures-sur-Yvette. Ich hatte die ganze Zeit sehr tief in Gedanken versunken aus dem Fenster geschaut, beschlossen, dem unguten, zerbrechenden, harten, stumpfen Krieg ein Ende zu bereiten und, auch auf die Gefahr hin, mich vollkommen lächerlich zu machen, ein paar frisch erblühte Baumblüten zu pflücken, um sie L… mitzunehmen, die ich gestern nacht, kurz bevor sie bei H… sich schlafen legte und noch einmal zurückkam, um ihren Fotoapparat zu holen, in dem Gefühl eines attackierenden Haies küßte. Sie, die sich küssen ließ, die sich in meine Arme nehmen ließ, die aber nicht ihre einundzwanzig Barrieren um ihr Herz herum fallen ließ – vielleicht waren gerade die äußersten zwei bei meiner Attacke eingerissen – war auch danach wie schon immer zuvor eine Kätzin, schnurrend und scheinbar zugeneigt, dann bissig und abweisend, ich konnte sie zwar berühren, doch wand sie sich unter meinen Händen und vermied zu starke Annäherungen, als ob sie ihr Innerstes entweihen, ihre Blüten zerreissen könnten. Mit einem sehr gemischten Gefühl stieg ich in meine Nachtkleidung und war nicht glücklich mit allem. Man kann sie nicht einschätzen. Niemand konnte das. Sie war den ganzen Abend um mich herum, blieb bis zum Schluß, als alle schon gegangen waren. Erwiderte nicht meine Berührungen, lies sich wie eine Katze streicheln, ruhig, geduldig, duldend, fast schon erduldend, lief aber auch nicht fort und blieb da. Lachte durchaus und tat, als sei nichts, sprach davon, müde zu sein, nahm Züge aus der von mir dargebotenen Zigarette, änderte aber nie den Tonfall ihrer Stimme.

Nun habe ich ihn gesehen, meinen Engel. Meine Engelin. Dunkelhäutig, mit Augen, die ich noch nie gesehen habe. Ich habe, genau auf der Hälfte der Strecke zwischen Orsay und Bures, die Strecke, die ich immer schwarz fahre, weil das Ticket bis Orsay 5 Francs billiger ist, meinen Kopf gewendet, habe aus dem anderen Fenster geschaut, habe zurückgeschaut, habe mit einem Mal direkt vor mir, gegenüber, ohne direkt hinzuschauen, eine Anwesenheit gespürt, die so präsent war, das ich fast in einer Art erstaunendem Erkennen aufgeblickt habe und dort vor mir ein dunkelhäutiges Mädchen sah, ein wenig wie ich gekleidet, Wildlederjacke, Ringe, die mir direkt in die Augen blickte, aber mit einer Art von Verstehen, die mir, ich kann es nicht anders sagen, in meinem Leben noch nie begegnet ist. Ich schaute fast erschreckt beiseite, dann wieder hin, sie hatte auch weggeschaut, unsere Blicke trafen sich erneut und sie lächelte, wie wenn man einen alten Freund mit einem vertrauten Lächeln begrüßt. Es war nichts in diesem Lächeln, was falsch oder unrein, aufgesetzt, provokativ, verstohlen, unterwürfig, einschüchternd wäre, es war das reinste, klarste, offenste Lächeln, das es geben kann, mit der Unterstützung zweier runder, weißer Augen, die ihre ruhigen, braunen Pupillen direkt in mein Innerstes strahlen ließen. Der Zug hat angehalten, ich bin aufgestanden, wir haben uns dabei noch einmal angeschaut, diesmal mit einem beiderseitigem, deutlichem, fast hörbaren Lächeln, wir haben beide verstanden.

Ich bin ausgestiegen, ich hatte Angst, es war nicht viel, was fehlte, um zurückzugehen, und gewisse Aufforderungen zu gewissen Kaffees auszusprechen, es war nicht viel, aber es hat gereicht, um mich ganz austeigen zu lassen und den Zug nicht mehr, kurz bevor die Türen sich schlossen, zu betreten. Im Fenster des wegfahrenden Zuges erblickte ich noch ein letztes Mal ihr Gesicht, wie sie mich, jetzt weiß lachend mit geschlossenen Zähnen, geräuschlos, aber in den Hallen meines Innersten klar und deutlich hörbar und noch einige Zeit, nach dem endgültigem Verschwinden der Bahn, in mir nachtönend. Mein Kopf wurde schwer, der Hals eng, mein Herz flog und fiel zugleich und ich lehnte mich an ein Geländer und begann zu weinen. Ich habe sie gesehen. Es war ein Engel, vielleicht war es mein Engel, den ich nun zum ersten mal in meinem Leben sehen durfte. Nur kurz erblicken, wenige Sekunden vor meiner Zielstation. Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, mir klar zu werden, was da war. Ich weiß nur, daß ich schon immer darauf gewartet habe, nur die Hoffnung war ganz unten eingeschürft, begraben von so vielen enttäuschten Gedanken. Mit einem mal kam die ganze Wahrheit aus dem untersten, die Verlorenheit, die Suche, die Unabänderbarkeit, das Einmalige, die zersetzende Trägheit, die Traurigkeit, die Mattheit, das ewige, immer wieder aufs neue Versuchen, Aushalten, Einstecken, Umfallen, Aufstehen, Rausgehen, Wiederkommen, Fortschicken, Abweisen, Reinlassen, Untergehen, Auftauchen. . .

Ich glaube, ich habe mich in meinen Engel verliebt. Das sollte man nicht machen, ist er doch, bis auf die ganz großen Ausnahmen, nur in unerreichbarer Nähe, kann niemals wirklich werden. Ich weiß nur, dass ich, wenn ich ihm noch einmal begegne, ohne jedes Zögern, frei von allen Zweifeln und Bedenken, meinen Tagesablauf unterbrechen und genau und ohne auszuweichen, auf ihn zugehen und ihn in meine Realität holen werde. So aber kehrt er nun zurück, von wo er kam und bleibt an meiner Seite, ohne daß ich mit ihm Aug in Auge wortlos reden kann. Was Engel ausmacht, ist ihr plötzliches Erscheinen. Es ist wahrlich niemand wie sie dagewesen, als ich mich setzte, etwas abseits zu meinem Verdruß, weil ich doch so gerne Menschen beobachte, abgewandt von dem Rest des Abteils, am Fenster, mir gegenüber zwei Herren, die ihre Beine ein wenig zurückzogen, um mich durchzulassen. Dann saß ich, und als ich fast in Bures schon angekommen war, saß sie dort, als hätte sie die ganze Zeit dagesessen, wissend, mit all meinem Inneren vertraut und irgendwie einmal für notwenig haltend, sich mir sichtbar zu machen. Es war wirklich und wahrhaftig notwendig, das ist sicher. Ich hatte alles tief begraben unter meiner Stoa, meinem Aushalten in unverwehbarer Traurigkeit. Ich hatte mein Urvertrauen auf die Wellen des Flusses gesetzt und ihm etwas wehmütig nachgeschaut. Aber ich kann es mir nun mal nicht aussuchen, ob ich wichtig bin oder nicht. So überlasse ich mich dem Treiben und schwimme, so gut ich kann, auch wenn es mäßig klappt und mir am Ende stets nur das Überleben blieb. Immerhin. Das Überleben. Ich war nicht darauf gefaßt. Nicht mehr.

Ich will dieses Gefühl nie vergessen und tue es zu meiner Sammlung von Gefühlen, die ich nie vergessen will. Eine sehr junge Sammlung, und ich habe inzwischen schon fast alle die wenigen bisher gesammelten Gefühle wieder vergessen. Es ist wohl nötig, daß ich sie noch einmal fühle.

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