Willensfreiheit

A… schrieb mir gerade wegen meiner Wohnung und ob sie nun dahin umziehen sollte oder auch nicht und ob der Saxofonist zu laut sein könnte oder auch nicht und ob sie überhaupt umziehen sollte oder auch nicht. Abschliessend schrieb sie dann: „Werde weiter versuchen, mich zu entschliessen, oder auch nicht…“.

Werde weiter versuchen, mich zu entschliessen, oder auch nicht. Tragik, Komik, Satire? Doch es steckt noch etwas anderes darin. Ich denke zur Zeit gerade über Entscheidungen und Willensfreiheit nach und nun passt das so schön. Wie kann man sich frei entschliessen, wenn die persönliche Verfassung dies gar nicht erlaubt? Wenn es innere Hürden gibt, die nicht der willentlichen Kontrolle unterliegen? Wenn die Handlungen, die wir als Resultat unserer Entscheidungen empfinden, schon lange vorher ohne unser bewusstes Zutun in den tieferen Hirnregionen getroffen werden? Offenbar gibt es so etwas wie eine „Impotenz des Geistes“. Das rüttelt an unserem Selbstverständnis, aber es gibt da gewisse Erkenntnisse in der Hirnforschung, die eine grosse Debatte ausgelöst haben über die Rolle des Bewusstseins und die Bedeutung des freien Willens. Ich selbst bin da noch zu keinem befriedigenden Schluss gekommen, aber das ist sicher ein gutes Zeichen. Eine wirklich tiefe Aussage zeichnet sich dadurch aus, das ihr Gegenteil ebenfalls richtig ist, wie der Physiker Niels Bohr formuliert hat. Das ist Dialektik. Was ich gerade herausgefunden habe: „Dialektik“ kommt vom griechischen Wort „dialegein“ und bedeutet: sich unterreden. Gemeint ist die Technik von Rede und Gegenrede. aber was Bohr meint steht doch eher im Zusammenhang mit dem Begriff der „Komplimentarität“, der besonders bei der Interpretation der Quantenmechanik ins Spiel kommt.

Die Aussage „Wir sind frei in unserem Denken und Handeln“ ist sicher eine tiefe Aussage im Sinne Bohrs, auch wenn dies nichts mit Quantenmechanik zu tun hat. Das Gegenteil ist ebenso richtig, und indem schillernden Wechselspiel dieser beiden Erkenntnisse setzt sich dann allmählich eine viel tiefere Erkenntnis durch. Diese Technik ist auch im Zen-Buddhismus zu finden, nämlich in der Meditation (hier: tiefes Nachdenken, nicht Rumsitzen) über sogenannte „Koans“. Ein „Koan“ ist eine Frage oder Aussage oder kleine Geschichte, die sinnlos oder widersprüchlich erscheint und den Schüler zu einer tiefen Erkenntnis (auch als „Kensho“ bezeichnet, was oft – und viel zu überladen – mit „Erleuchtung“ übersetzt wird) führen soll.

Hm, so hat mich A…’s merkwürdige, tiefe und zugleich komische Entscheidungsunfähigkeit zu einem Koan geführt: Soll ich mich entschliessen oder nicht?

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