Wahrnehmung

Neulich berichtete mir ein Freund von einem Brief, den er von einem Unbekannten erhalten hatte, der aber vorgab, ihn (meinen Freund) zu kennen. Der Brief ist Poesie, ich will ihn hier einmal wiedergeben:

Niemand will dafür zuständig sein. Ich möchte, dass es aufhört. Wo kann man sich beschweren. Die Regierung, die Parteien, der Bundestag, niemand fühlt sich zuständig. Offiziell gibt es keine Stimmen. So geht das nicht.

Was meinen Sie mit Eintrittskarte?
Kinder sind auch von dem Phänomen betroffen. Die können die Quantenmechanik ganz ganz sicher nicht verstehen. Wie kann man die Kinder davor beschützen?

Ich habe schon viele Beschwerdebriefe geschrieben – aber es hat bis jetzt niemand weitergeholfen?
Was raten Sie mir?

Viele Grüße

G…

Das Tragische finde ich hier die verzweifelte Anstrengung einer objektivistischen Interpretation: Er sagt nicht „ICH HÖRE Stimmen“, sondern „DA SIND Stimmen“.
Ich halte inzwischen die subjektivistische Sichtweise für eine wissenschaftlich tragfähigere als die objektivistische. Das mag für überzeugte Objektivisten absurd klingen, es bedeutet aber in der Tat, das man seinen eigenen Wahrnehmungen – und dazu gehören auch die „Wahrnehmungen des Gehirns“, also Einschätzungen, Interpretationen, wissenschaftliche Theorien – äußerst kritisch gegenübersteht und sie nie für eine direkte Wahrnehmung der Realität hält.

Man muss sich zum Beispiel nur mal überlegen, dass die Wahrnehmung von Farbe in gewisser Weise eine Illusion ist. Wir messen nicht etwa die Wellenlänge aus, wenn wir unsere Augen benutzen, dazu reichen unsere drei farbempfindlichen Rezeptortypen (rot, grün, blau) einfach nicht aus. Unser Wahrnehmungssystem macht vielmehr eine Schätzung der tatsächlichen Wellenlänge aufgrund unzureichender Informationen, was aber in der praktischen Anwendung meistens genügt. Monochromatisches Licht der Wellenlänge 600 nm erzeugt den Eindruck von „Orange“. Denselben Eindruck erzeugt aber auch ein bestimmtes Gemisch von rotem (630 nm) und grünem (500 nm) Licht, wie man sich durch das nähere Betrachten eines Fernsehbildschirms leicht überzeugen kann. Physikalisch hat nun ein solches Farbgemisch nichts mit monochromatischem Licht der Wellenlänge 600 nm zu tun; beides erzeugt aber denselben Farbeindruck. Die Wahrnehmung von Dingen, die nicht der Realität entsprechen: das ist die Definition einer Illusion. Folglich sitzen wir einer Illusion auf, allein wenn wir unsere Augen aufmachen. Das finde ich bemerkenswert.

Helmholtz hat vor 150 Jahren gesagt, unser visuelles System liefere schlicht die mit Hinblick auf seine Beschränkungen beste Hypothese über das, was „da draussen“ vor sich geht. Stimmen zu hören ist eine Sache, sie dann wirklich nach außen in die Realität zu projizieren eine andere. Gewiss, wenn ich mit jemandem rede, dann gehe ich davon aus, dass er auch wirklich existiert. Ich vermute nicht, dass ich dabei einer Illusion aufsitze. Aber dies ist bloß eine Vermutung, eine praktische Arbeitshypothese. Ich könnte mir das Gespräch, ja die ganze physische Existenz meines Gegenübers in Wahrheit komplett einbilden. Ganz wie John Nash in „Beautiful Mind“, der sich (unter anderem) einen Zimmergenossen erfunden hat, ohne ihn als Erfindung seines Geistes erkennen zu können.

Ich finde, wir sollten grundsätzlich skeptisch sein beim Übergang vom Schein zum Sein, vor allem wenn es um komplexe Interpretationen geht, wie in diesem Falle die vermutete Erzeugung von Stimmen im Kopf unter Ausnutzung quantenmechanischer Effekte. Das ist, vorsichtig formuliert, eine höchst unplausible Hypothese. Ich möchte mal wissen ob G… solchen Überlegungen aufgeschlossen ist und dann am Ende auf rationalem Wege zum Schluss kommt, seine Stimmen könnten vielleicht eingebildet sein, oder ob er dann eben doch nicht so gut „rationalisiert“ wie er selbst von sich behauptet. Intelligenz macht sich gerade dadurch bemerkbar, dass man an ihr zweifelt.

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