Unsere Generation

Ja, es ist schon etwas Schlaffes, Morbides in unserer Generation. Im Geiste sind wir alle Alkoholiker, sitzen an der Theke unserer Erinnerungen und bestellen einen Hirnbitter nach dem anderen bis man uns lallend nach draussen trägt oder wir, Kopf vornüber in der Tränenpfütze, einschlafen. Ich sitze da auch drin in dieser Kneipe und wie es dem echten Mentalalkoholiker eigen ist, so spart er nicht mit Sarkasmen über sich selbst und sein vermeintlich vergeigtes Leben. Sitze ich in einem Biermann-Konzert oder höre ich eine Talkshow von Franz Alt, oder höre ich auch nur meinem eigenen Vater zu, so kann ich gar nicht verstehen, woher diese Leute, die alle aus derselben Generation stammen, ihren unumstösslichen Optimismus hernehmen, den man nur kopfschüttelnd bestaunen kann. Jedesmal frage ich mich: Woher nehmen diese Typen ihre Kraft? Was bringt sie dazu, immer noch zu beben vor Interesse? Sie regen sich tatsächlich noch auf über die Fehlleistungen unserer Gesellschaft. Wir dagegen haben das alles längst akzeptiert und hängen so abgeklärt und greisenhaft herum wie diese doppelt so alten Säcke es niemals tun werden, nicht mit neunzig, wenn ihnen das Gebiss klappert und die Pflegeschwester ihren Katheter wechselt. Ich kann das nicht verstehen.

Absurderweise raubt mir dann, wenn ich zu sehr darüber nachdenke, dieser Vergleich noch zusätzlich die Kraft.

Es gibt so einige Dinge die mir den Mut rauben. Ich will ganz ehrlich sein, ich habe mir das Leben anders vorgestellt: Das Leben geht Anfang Zwanzig los, man erlebt all die Dinge, die später zu einer ziellosen und ekstatischen Symphonie der Jugend zusammengesponnen werden, man hält dabei aber immer an seinen Ideen und Visionen fest und kann dann Ende Zwanzig die Früchte ernten. Erfolg, Beachtung und eine gegenseitige geistige Befruchtung folgen. Um sich herum sammeln sich Menschen, mit denen man sich versteht, mit denen man gemeinsam an einer Sache arbeitet. Es gibt ein Ziel und einen Sinn, Scheitern ist immer temporär und in der Niederlage liegt der Keim für die nächste Herausforderung. So ist es nun nicht geworden. „Noch“ nicht, so sagt der schweigsame Optimist in der dunklen Ecke der Bar, aber kaum jemand hört ihn. Meine haltlose Zuversicht, zur Physik noch etwas wesentliches beitragen zu können, hängt als pappiges Mobilé von der Decke, kein Mensch interessiert sich dafür ob man Quanteninformation verlustfrei komprimieren kann oder ob die Zeit nun doch ein Operator ist. Auch meine Musik ist zur sporadischen Selbstbeschäftigung geworden, deren Ziellosigkeit manchmal den Geist mit einer gewissen Mattigkeit belegt, und dann lässt man die Hände an der Gitarre herunterhängen und starrt ein Loch in den Boden.

Ich bin in Gesellschaft nicht so pessimistisch wie jetzt, wo ich vermeintlich ungehört vor mich hinschreiben kann. Wenn Leute da sind, dann sage ich zu allem „toll“ und „weiter so“ und ich will etwas in die Wege leiten, Kontakte knüpfen und Bedenken zur Seite schieben. Manchmal hat mich diese Rolle schon sehr genervt, als ewiger Jasager, der in allem immer noch ein Quentchen Positives sieht, sich über Aktionen, Filme und Konzerte freut, die es schaffen über den immer niedriger gehängten Anspruch zu hüpfen. Es ist aber vieles Dargebotene auch so offensichtlich grauenhaft, dass ich es gar nicht anders aushalte als mich dann zu freuen, wenn etwas immerhin noch gut gemacht ist, handwerklich gut und inhaltlich akzeptabel. Ich brauche diesen Rest an Freude, ich kann mir nicht vollständig alles vergällen lassen, sonst halte ich das Ganze einfach nicht mehr aus. Irgendwo muss es noch ein Stückchen Aussicht geben, einen Spalt in einer der unzähligen Türen, die schon zugeschlagen sind. Ich gehöre wohl ebenfalls in dein Kabinett der Zivilisations-Zombies, vielleicht hilft mir diese Erkenntnis mal etwas daran grundlegend zu ändern. Man kann allerdings nicht immer nur die Symptome bekämpfen. Es wird nie etwas helfen, wenn man nicht auch die Ursache beseitigt, die Ursache dieser fehlgeleiteten Melancholie: das penetrante Gefühl der Bedeutungslosigkeit, das einen wie ein immer lauter werdendes Summen umgibt. Keine der Handlungen, die man vollzieht, führen zu nennenswerten Reaktionen, man ertrinkt in einem Meer aus Individuen, die sich alle so wichtig nehmen wie man selbst auch. Ich will dies gar nicht, ich sehe darin keine Zukunft, auch keine Grundlage der Existenz. Das Ich ist eine eingebildete vorübergehende Erscheinung von der man sich so schnell wie möglich lösen sollte. Nur, hier mitten in Berlin fällt es mir reichlich schwer, dies zu schaffen.

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