Mit einem Auge

Ich beoabachte meine Bewegungen mit einem Auge. Das andere ist verklebt und vernäht und hinter einer Bandage versteckt. Immer wieder muß ich in meinen Bewegungen innehalten, damit sie mir nicht schon wieder entgleiten. Es ist vielleicht schon zu spät, das zu verändern, was mich den ganzen Tag begleitet.

Ich wische den Kühlschrank ab, der Schwamm fällt mir aus der Hand. Ich steige aus der S-Bahn in die U-Bahn, in die falsche Richtung. Ich finde die Karte meiner Krankenversicherung in der Hosentasche wieder, als ich die Hose aus der Waschmaschine nehme. Ich steige in einen Zug nach Ungarn und vergesse meinen Reisepass. Ich stehe mit meinem Fahrrad vor einer Wand, die mit rotem und gelben Wein überwachsen ist, und ich weiss, dass der Anblick schön ist. Ich strecke meine Arme in die Gegenwart, doch ich erreiche sie nicht.

Die Vergangenheit ist so ungewiss wie die Zukunft. Erinnerungen stehen nebeneinander in meinem Kopf, ich wende mich einer von ihnen zu, die sich verfestigt und mit Klang und Farben füllt. Eine andere zittert und verschwindet im Nebel. Zusammenhanglos, verschwommen, unerreichbar und wunderbar präzise ist meine Erinnerung. Ich zeichne ein Gesicht aus dem Kopf, weil es kein Foto davon gibt. Das Porträt gelingt mir gut. Den Porträtierten kenne ich so gut wie nicht. Ich versuche, meine Freundin zu zeichnen, die ich vom Kopf bis zu den Füßen kenne und die vor mir liegt, doch es kommt nur ein fremder Mensch heraus. Erinnerungen an die Gegenwart.

Ich bin mit einer Frau verabredet. Doch ich kann sie nicht erreichen und die Verabredung liegt schon einige Tage zurück. Sie steht nicht in meinem Terminkalender. Gibt es sie? Ich habe Physik im Kopf und programmiere meinen Rechner, das zu tun, was ich im mir überlegt habe. Die Sache ist sehr wichtig, damit mein Prof mich wieder sieht und nicht immer aus dem Zimmer läuft wenn ich ihm was erkläre. Abends komme ich heim und höre meinen Anrufbeantworter ab. Die Frau hat eine Dreiviertelstunde auf mich gewartet, mit Kuchen in der Hand. Auch jetzt weiß ich nicht – noch nicht oder nicht mehr – , daß wir um vier uns treffen wollten. Ich rufe an und entschuldige mich sehr. Sie ist enttäuscht und unerreichbar.

Am nächsten Abend treffen wir uns zur Premiere eines Stücks, bei dem ein Freund mitspielt. Die Frau kommt zu spät, entschuldigt sich, wir gehen zum Eingang. Am Fuß der Treppe stolpere ich über eine eiserne Fußmatte, falle vornüber und knalle mit dem rechten Auge auf die Kante der Steintreppe. Die Brille zersplittert und das Blut schießt mir aus dem Kopf. Ein Krankenwagen wird geholt, ich bin ganz klar und denke nur: mein Auge darf nicht kaputt sein. Der Krankenwagen fährt durch die halbe Stadt und findet nicht die richtige Klinik. Schließlich findet er sie doch, ein Augenarzt untersucht mein Auge und stellt fest, daß es noch heil ist. Die Haut um das Auge herum muß genäht werden, die Operation dauert über eine Stunde. Ich zittere, der Arzt ist ruhig und führt die Nadel durch die Wunden. Es tut kaum weh, es zieht und zwickt nur, als wenn der Arzt mich ärgern wollte. Doch er tut sein Bestes und vernäht die Wunde zu einer Narbe, die ich immer bei mir tragen werde. Es gefällt mir, eine Narbe zu haben. Ein Gesicht, auf dem etwas geschrieben steht.
Hier steht, in diesem Fall: Ein Trottel stürzt im völlig nüchternen Zustand über eine Fußmatte genau mit dem Auge auf die Kante einer Treppe. Und er ist so überrascht, dass er noch nicht einmal die Arme nach vorne wirft, um den Sturz abzufangen.

Wie ist es wohl, wenn man überraschend und sinnlos stirbt?

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