Engel Zwei

Es ist wieder passiert. Wieder.
Ich muss mit jemandem darüber reden, auch wenn ich es selbst bin.

Ich sitze wieder in der U-Bahn. Ein schlechter Tag. Ich schweige und brüte. Sehe nicht viel um mich herum. Am wenigsten Lust habe ich auf Aufregung, alles regt mich auf. Das Herumstehen am Bahnsteig, die nervigen Menschen, das Geschwätz. Ich habe heute nichts hingekriegt. Bis nachts um fünf saß ich an der Maschine und wollte sie besiegen. Ihr die Software aufzwingen, die mir musikalisch dienen wird. Synthesizer, Sampler, ich war fast dran, aber immer wieder hochpoppende Boxen mit unangenehmen Nachrichten „Error: This is not the right version!“ Blue screen, der schwere Ausnahmezustand ist eingetreten im Modul viagart(01), Register 993882A33912, drücken Sie eine beliebige Taste um zu Windows zurückzukehren. Ich kehre zurück und fange von vorn an.

Dann setzt sie sich mir gegenüber. Frau mit Walkman. Ich höre nicht, was sie hört, es interessiert mich auch nicht. Ich bin viel zu spät, meine Verabredung wird platzen, ich werde das Kino trotzdem finden. Sie ist ganz hübsch, hm…, scheint mich zu betrachten, was mich nervt. Ich will in Ruhe gelassen werden. Kein Ärger jetzt. Da sich unsere Blicke aber nun schon wieder treffen, krame ich nervös in meiner Knietasche. Ein leiser Plan wird umgesetzt. Ich stecke mir einen Fisherman’s Friend in den Mund und biete an. Nein danke. Gut. Besser so. Aber trotzdem. Man lacht über irgendwas, ich frage, was sie da hört. Altes Zeug, Eagles, ich runzele wahrscheinlich die Stirn deshalb fügt sie hinzu, dass sie beruflich schon genug mit modernem Pop zu tun hat. Klasse Thema: Beruf, ah ja? Was denn? Schauspielerin, irgendwas mit Musik, der Bruder hat ihr die Musik gegeben und so. Hm hm. Verdammt, es ist kein besonders interessantes Gespräch, aber irgendwas klingt mit in mir. Was bloss? Vielleicht…?

Jetzt kommt der Schluss. Der Zug hält am Zoo, ich gehe die ganze Zeit davon aus, dass jeder hier natürlich aussteigt und freue mich darauf, das Gespräch fortzusetzen. Aber sie muss gar nicht aussteigen. Ich muss aber und sage: Ich muss. Stutz. Immer wieder ihr Stutzen. Als ob sie das nicht glauben kann. Warum nickt sie nicht einfach, alles klar, gut, tschüss. Was dann kommt, ist scheisse. Ich stehe auf, gehe raus und stehe draussen am Zug, der immer noch hält. Ein Haufen uniformierter Kontrolleuere, die mir total egal sind, weil ich eine Monatskarte habe, steigt ein und steht angeberisch und drohend herum. Die Türen bleiben offen und schauen mir beim Zögern zu. Ich denke an S…, ich denke an meine Verabredung, die ja eigentlich schon so gut wie geplatzt ist, aber ich steige nicht ein. Ich ahne schon, was jetzt kommt.

Der Zug fährt endlich ab und ich fühle einen Stich im Magen. Und noch einen. Ich möchte schreien, aber das lasse ich. Ein Ekel steigt hoch ich lehne mich irgendwo an und atme ein wenig. Ein bischen rede ich auch mit mir selbst, ich murmele, obwohl ich lieber geschrien hätte. Wer schreit sind immer die Haltlosen, die Irren, die Junkies. Ich habe noch neulich einen schreien gehört, aber mich nicht umgedreht. Er schrie halt. Kurz und einfach. Ich habe am Schreien gehört, dass dies kein Junkie war. Es war ein Mann, der es rausliess. Vielleicht jemand, der eine Urschreitherapie macht. Sie stehen im Kreis und schreien so laut sie können. Einer nach dem anderen. Und jetzt du, Thomas. Gar nicht schlecht eigentlich, habe ich gedacht. Einfach so schreien. Das tut bestimmt gut. Und vielleicht ändert sich ja auch was.

Der wunde Punkt. Ich habe diese Situation genauso schon einmal erlebt. In Paris, vor fünf Jahren. Ganz genauso. Die Frau sah anders aus, dunkelhäutig, und wir haben nicht miteinander gesprochen. Aber uns angelächelt. Wunderbar angelächelt. Und ich bin raus aus diesem verdammten Zug und habe die scheiss Magenkrämpfe gekriegt, genau wie jetzt. Nur damals habe ich geweint. Heute bin ich tapfer. Ausserdem kommt mir das lächerlich vor, wenn eine Situation sich so genau wiederholt, dann kann man doch nicht auch noch schon wieder weinen, oder? Kann man doch nicht. Auch noch. Schon wieder.

Zehntausend verschimmelte Eidechsen mit blutunterlaufenen Augen mögen die Strassen hochrennen und schreien: Scheissescheissescheissescheissescheisse!!! Ich könnte in die Ecke kotzen, wenn ich an das alles noch mal und immer wieder denken. Es ist wie beim Zahnarzt. Der Schmerz kommt jetzt, das weiss man und dann ist er da, und man kann nichts machen und muss nur aushalten. Beim Zahnarzt ist das in Ordnung. Aber hier, wo ich mir selbst im Zahn herumbore, immer rum mit dem Bohrer, hin und her, weil ich alter Trottel so festgefahren in meinen beschissenen Gewohnheiten und Plänen bin, dass ich immer noch nicht, auch jetzt nicht, fünf verdammte vollgeschissene Jahre später, einfach in den Zug reinsteigen kann und sagen: Hallo, ich bin doch nicht ausgestiegen. Ich dachte, ich fahr nochn bischen mit und vielleicht gehen wir noch irgendwo’n Kaffee trinken (oder Tee, Bier, Wodka, Martini, total egal).

OK, alle Versuche, vernünftig zu bleiben, sind sowieso für den Arsch. Also lasse ich das. Was hier klar ist: ich muss endlich irgendwie nicht nur begreifen, sondern ich muss was ändern! Und ich dachte: Haja, fünf Jahre, da bin ich doch ein anderer Mensch inzwischen. Nein. Alles Scheisse, ich bin immer noch der Typ, der da rumläuft mit Wildlederjacke, buntem Hemd und kurzem Vollbart und nicht weiss, was er eigentlich hier soll. Andererseits… Ich habe kurze Haare, bin gut rasiert, trinke jetzt hier mein Bier und werde mir gleich eine kleine Tüte drehen, weil ich das cool finde und fertig. Aber was wird passieren?

Was wird passieren?

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