Vertrauen in die Liebe

Ich schreibe hier leicht matt, so etwas wie eine Erkältung in den Knochen, matschig wie das Wetter draußen, ich fühle mich ein wenig unirdisch im Geist, zugleich abwesend und klar, träumend wach. Die Stadt hier, Herford, hat sich auch diesmal in meiner Abwesenheit verändert, Häuser sind verputzt, verbaut, geliftet, neu errichtet, Geschäfte sind eingegangen und durch andere Geschäfte ersetzt, der splitternackte Körperkünstler Ernie radelt durch die Innenstadt und erregt kaum noch Aufsehen, Eiscafé Piccoli hat jetzt zwei Filialen, und Fritken Overdiek, der letzte Leineweber Herfords, steht nun in seiner steinernen Einfalt einige Meter weiter vorne, weil er einer Kinderrutsche weichen mußte. Dies ist Herford, die Stadt in der ich aufgewachsen bin. Aber ich verbinde nicht mehr besonders viele Gefühle mit ihr. Sie ist eng und spießig wie schon damals, doch damals hatte der kindliche und jugendliche Geist noch einen weiten Blick und sah nicht das, was sich träge vor seine Augen wälzte, sah Größe, Ferne, das geheimnisvolle Leben, welches irgendwo lauerte, um wie angekündigt über ihn herzufallen. Nun ist es da, das Leben, wie angekündigt, und es benimmt sich wie nicht angekündigt. Kommt herein, verschwindet wieder, reißt einiges um, läßt sich behäbig in den Sessel fallen, schläft ein, wacht auf und verschwindet einfach, um durch nie dagewesene Türen von hinten wieder einzufallen.

Vorgestern besuchte ich mit meiner Mutter eine alte Freundin. Die hat im Augenblick ein Drama zu ertragen, was ich aus anderer Perspektive nur zu gut kenne. Sie wurde vor einem Dreivierteljahr von ihrem Partner verlassen und steht nun mit dem gemeinsamen vierjährigen Sohn da. Jedes Wochenende kommt der Mann und holt das Kind ab, bringt es dann am Sonntag wieder zurück. Das Kind verwechselt die Namen: „Papa…Mama…“ fast jedesmal dauert es einen Tag, bis es sich wieder eingefunden hat. Ich war damals genauso alt wie er, habe genauso die Namen verwechselt, habe genau wie er versucht, die Situation zu überspielen. Und meine Mutter hat genau wie ihre Freundin einen unerträglichen Schwall an Emotionen ertragen müssen, wenn sie die so vertraute Gestalt ihres Ex erblickte, der die Frucht ihrer Liebe wegnahm und wiederbrachte, während im Auto die Neue wartete. Und mit einem Schlag erkannte ich etwas, was ich nur schlecht in Worte kleiden kann. Was sich im Gefühl niederläßt, was dort den Verstand beiseite schiebt, die Welt herumdreht und den vertrauten Boden weich und giftig macht. Es ist etwas, was ich nie erfahren habe. Vertrauen in die Liebe. Dieses Sich-Einklinken in den Anderen, dieses Gefühl, untrennbar verbunden, einander anvertraut zu sein.

Meiner Mutters Freundin beschrieb dieses Gefühl folgendermaßen: Sie saß neben ihrem Freund in der Höhe auf einem Berg. Und mit einem Mal fühlte sie, wie sich ganz hoch über ihnen ihre Seelen aneinanderlehnten. Von da an war sie verliebt. Und jetzt, als ich dabei war, wie sie diesem Mann wieder begegnete, an dessen Seele sich die ihre gelehnt hatte, konnte ich ihre Gefühle spüren, das innere Reißen, die Ohnmacht, das Nichtbegreifenwollen und gleichzeitig erkannte ich, daß mir das noch nie widerfahren ist.

„Füreinander geschaffen sein“, „den Rest des Lebens miteinander zu verbringen“, all das sind schwarze, dicke, verschlossene Bücher für mich. Mehr als das: Ich habe Angst davor. Ich habe Angst, weil ich die Katastrophe kenne, die damit verbunden ist. Liebe ist nicht nur Glanz und Sonne. Liebe ist Katastrophe. Liebe ist Herzausreißen, ist Gewalt, ist Überschwemmung. Liebe ist Verleugnung, Mißverständnis, Lüge. Ich kann mich nicht verlieben, ohne gelähmt zu sein, ohne daß meine Knochen zittern, als wenn es ihr Ende wäre.

Es gab ein Bild in dem Katalog von René Magritte in meiner Kindheit, vor dem ich echte Angst hatte. Ich weiß es noch genau. Ich blätterte in dem Katalog, habe jedes Bild geliebt und lange betrachtet. Doch ich wußte nie genau, hinter welcher Seite jenes gruselige, schreckliche Bild lauerte. Irgendwann erschien es dann und ich habe das Buch zusammengeschlagen oder ganz schnell weitergeblättert, um das Erschaudern durch die anderen Bilder wieder zu vertreiben. Es war das Bild eines weiblichen Körpers, die Augen waren die Brüste, die Nase der Bauchnabel und der Mund die Scham. Es starrte mich an, genau in meine Augen und war gleichzeitig ein Gespenst, ein gesichtsloses Gesicht, unberührbar und grotesk. Ich weiß noch genau, wie es aussieht, habe es deutlich vor Augen und immer noch gruselt mich davor. Mir bricht der Schweiß aus, mein Körper reagiert auf seine Weise. Kann ein Mann, der so empfindet, ein normales Liebesleben führen? In diesem Augenblick erscheint es mir unmöglich, ich sacke in die Schwere und die Erstickung. Alleine mein Verstand bleibt wach und raunt mir beruhigend zu. Ich werde mich wieder fangen. Ich werde wieder zurücktitschen an die Oberfläche, aber da ist etwas, was unten in der Tiefe bleibt und mir Angst macht.

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